Drei Lehren und ein Vorschlag
Die jüngst bekannt gewordenen Mehrkosten beim Neubau für das Gymnasium im Schloss (GiS) müssen Anlass sein, grundsätzliche Fragen über die kommunale Baupolitik zu stellen, denn die in der Vorlage (0123/2026) genannten Kostensteigerungen bilden noch nicht einmal die gesamten Folgekosten der damaligen Entscheidung ab.
„SPD und CDU haben sich seinerzeit bewusst für einen großen Neubau entschieden, obwohl auch Konzepte auf dem Tisch lagen, die stärker auf die Sanierung und Nutzung bestehender Gebäude setzten. Diese Entscheidung hatte und hat weitere Konsequenzen: Für den Neubau wurde der funktionierende Biologietrakt der Schule abgerissen. Gleichzeitig wird künftig die Alte Landwirtschaftsschule leer stehen“, erklärt Ratsmitglied Leo Pröttel.
Das Projekt war somit nicht nur eine Entscheidung für einen Neubau, sondern zugleich eine Entscheidung gegen die konsequente Nutzung vorhandener Infrastruktur. Die Aufgabe der Stadt, den bestehenden Gebäudebestand zu erhalten und weiterzuentwickeln, ist damit keineswegs erledigt.
Erste Lehre: Neubau ist in einer historischen Stadt ein Experiment, das man sich leisten können muss
Die Mehrkosten sind kein Zufall, sondern Ausdruck typischer Neubaurisiken. Dazu gehören schwierige Baugründe ebenso wie technisch anspruchsvolle Konstruktionen. Der schwierige Baugrund überrascht nicht. Dass an dieser Stelle die Okeraue liegt und dort historische Festungsanlagen vorhanden sind, war bekannt. Diese Risiken waren vorhersehbar. Hinzu kommt, dass für den Entlastungsbau der Schule durch das Architekturbüro anspruchsvolle Konstruktionen geplant wurden. Innovative Bauweisen sind zwar grundsätzlich zu begrüßen, doch wer solche Konstruktionen nur selten umsetzt, verfügt nicht über die notwendige Routine. Probleme bei der Konstruktion oder beim Anschluss an bestehende Gebäudeteile sind keine Überraschung. Für Kommunen mit knappen Haushalten sind solche Experimente ein erhebliches finanzielles Risiko.
Zweite Lehre: Bestandserhalt ist keine Alternative, sondern die erste Wahl
Zur Debatte standen ursprünglich nicht nur Abriss und Neubau. Es gab damals die Möglichkeit, mit demselben Geldeinsatz das Elster-und-Geitel-Haus für die Große Schule und die ehemalige Landwirtschaftsschule für das GiS zu sanieren sowie einen kleineren Neubau zu ergänzen.
Eine Untersuchung der Technischen Universität Braunschweig kam beim Elster-und-Geitel-Haus zu einem klaren Ergebnis: Der Erhalt des Bestands ist wirtschaftlicher als der von der CDU ins Spiel gebrachte Abriss und Neubau. Natürlich gibt es Ausnahmen, doch grundsätzlich gilt: Beim Bestand kennt man die Gebäude, ihre Konstruktion und ihre Schwächen. Die größten Risiken sind sichtbar und beherrschbar. Beim Neubau beginnt man dagegen bei Null und kann jeden Fehler neu machen.
„Eine Stadt wie Wolfenbüttel lebt von ihrem baulichen Erbe“, weiß Bürgermeisterkandidatin Lena Krause. „Dieses zu erhalten ist nicht nur kulturell sinnvoll, sondern oft auch die wirtschaftlich vernünftige Entscheidung.“
Dritte Lehre: Kommunen haben derzeit keine guten Strukturen, um effizient zu bauen
Die wiederkehrenden Kostensteigerungen und Verzögerungen vieler kommunaler Bauprojekte zeigen, dass es sich nicht um ein Einzelproblem handelt. Kommunen bauen nur selten dieselben Gebäudetypen. Heute entsteht eine Schule, morgen ein Verwaltungsgebäude und übermorgen steht die Sanierung eines barocken Fachwerkhauses an. Dadurch fehlt die Möglichkeit, dauerhaft Expertise aufzubauen.
Nur dort, wo regelmäßig ähnliche Bauaufgaben umgesetzt werden, entstehen Routinen und Effizienz. Ein gutes Beispiel sind die Feuerwehrgerätehäuser in Halchter, Wendessen und Salzdahlum, wo es einmalig gelang, mehrere Gebäude wenigstens in zeitlicher und konstruktiver Sicht „nah beieinander“ zu planen. Wiederholungen ermöglichen Lernen, Standardisierung und bessere Kostenkontrolle. Spezialisierte Planungsbüros verfügen über diese Erfahrung, müssen aber teuer eingekauft werden. Die öffentliche Hand bleibt dagegen in der Rolle des Gelegenheitsbauherrn.
Unser Vorschlag: Eine kommunale Planungsgesellschaft für den Landkreis Wolfenbüttel und seine Gemeinden
„Der Landkreis und seine Städte und Gemeinden errichten regelmäßig dieselben Gebäudetypen: Kitas, Schulen, Verwaltungsgebäude oder Feuerwehrhäuser. Jede Kommune für sich baut diese Gebäude jedoch zu selten, um sich eigenes Fachwissen anzueignen und zu erhalten“, erläutert Landratskanidat Leo Pröttel. „Deshalb schlagen wir die Gründung einer gemeinsamen kommunalen Planungs- und Entwicklungsgesellschaft für den Landkreis Wolfenbüttel und seine Mitgliedsgemeinden vor. Durch die Bündelung der Bauaufgaben könnte eine Organisation entstehen, die Expertise aufbaut, Standards entwickelt und Projekte professionell begleitet.“
Eine solche Gesellschaft würde Planungswissen dauerhaft in öffentlicher Hand halten, bessere Strukturen schaffen und durch größere Auftragsvolumina eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Bauunternehmen ermöglichen. Gleichzeitig könnte sie flexibler arbeiten als klassische Verwaltungsstrukturen.
Wolfenbüttel wäre damit keineswegs Vorreiter. Die Stadt Braunschweig zeigt mit ihrer kommunalen Struktur- und Entwicklungsgesellschaft bereits, wie öffentliche Großprojekte erfolgreich gesteuert werden können.
„Die Antwort auf steigende Baukosten kann nicht allein mehr Geld sein. Wir müssen vorhandene Gebäude besser nutzen, Risiken beim Neubau begrenzen und kommunales Planungswissen dauerhaft in öffentlicher Hand stärken“, ist sich Lena Krause sicher.


Verwandte Artikel
Kamienna Góra
25 Jahre Städtepartnerschaft mit Kamienna Góra
Drei Tage, fünf Länder, fünf Sprachen und zahlreiche Begegnungen: Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft zwischen Wolfenbüttel und dem polnischen Kamienna Góra reiste eine Delegation aus Wolfenbüttel Anfang Juni nach…
Weiterlesen »
Foto: Henning Kramer
Rat macht Weg für eSport-Pilotprojekt frei
Die Ratsgruppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN • Die PARTEI begrüßt die Zustimmung zu ihrem Antrag, die Einführung eines kommunalen eSport-Angebots in Wolfenbüttel zu prüfen. Mit dem Beschluss wird die Verwaltung beauftragt,…
Weiterlesen »
Foto: Henning Kramer
Starke Menschen und starke Themen
Wir haben unser Wahlprogramm verabschiedet und Kandidierende für die Kommunalwahl aufgestellt Am 13. September 2026 wird in Niedersachsen gewählt. Wir treten in Wolfenbüttel mit einem starken, vielfältigen Team und einem…
Weiterlesen »